Digitales

Braucht es noch Entwickler, wenn KI programmiert?

Tobias Reinhardtca. 6 Min. Lesezeit

Vier von fünf Entwicklern arbeiten inzwischen mit KI, und die Zahl der offenen IT-Stellen in Deutschland hat sich seit 2023 halbiert. Trotzdem klagen fast alle Unternehmen mit offenen IT-Stellen über Besetzungsprobleme. Meine These: Der Bedarf an Softwareentwicklern bleibt, er verschiebt sich nur. KI hat den Code billig gemacht, das Urteil darüber kostet so viel wie zuvor.

Leerer Bürostuhl mit dunkelblauem Sakko an einem Entwickler-Arbeitsplatz mit zwei Monitoren in einem hellen Großraumbüro. KI-generiert

Weniger Stellen, kein Überangebot

In Deutschland fehlen nach Zahlen des Digitalverbands Bitkom vom September 2026 rund 79.000 IT-Fachkräfte. Vor drei Jahren waren es 149.000. Die Zahl hat sich halbiert, genau in den Jahren, in denen KI in die Softwareentwicklung einzog. Die Bundesagentur für Arbeit meldet dasselbe Bild. 2025 hatte sie im Schnitt rund 13.000 Stellen für IT-Berufe im Bestand, 22 Prozent weniger als im Vorjahr. Die Arbeitslosenquote in diesen Berufen stieg von 3,7 auf 4,5 Prozent. In ihrer Engpassanalyse führt die Behörde die Softwareentwicklung nicht mehr als Engpassberuf.

Wer daraus schließt, dass Entwickler überflüssig werden, liest die Zahlen nur zur Hälfte. Nur 5 Prozent der von Bitkom befragten Unternehmen sehen ein Überangebot, 78 Prozent sehen weiter einen Mangel. Von den Unternehmen mit offenen IT-Stellen haben 97 Prozent Schwierigkeiten, sie zu besetzen. Die Beschäftigung in IT-Berufen stieg 2025 trotzdem um 2 Prozent auf 1,15 Millionen. Für den Rückgang der Stellen nennt die Bundesagentur zwei Ursachen: die schwache Konjunktur und den Strukturwandel durch KI und Automatisierung.

Was KI dem Softwareentwickler abnimmt

Stack Overflow hat 2025 rund 49.000 Entwickler aus 177 Ländern befragt. 84 Prozent nutzen KI-Werkzeuge oder planen es, ein Jahr zuvor waren es 76 Prozent. Von 36 Millionen neuen GitHub-Nutzern griffen laut Plattform fast 80 Prozent in der ersten Woche zum KI-Assistenten.

Die Stack-Overflow-Umfrage zeigt auch die Kehrseite. 46 Prozent der Entwickler trauen der Genauigkeit der KI-Ausgaben nicht, 2024 waren es 31 Prozent. Zwei Drittel ärgern sich am meisten über Lösungen, die fast richtig sind. Der DORA-Bericht von Google zeigt bei knapp 5.000 Befragten mehr Durchsatz, aber weniger Stabilität. Das Forschungsinstitut METR ließ 2025 sechzehn erfahrene Open-Source-Entwickler mit und ohne KI arbeiten. Mit KI brauchten sie 19 Prozent länger, glaubten hinterher aber, 20 Prozent schneller gewesen zu sein. METR warnt davor, das zu verallgemeinern. KI liefert Code in Sekunden, die Verantwortung dafür liefert sie nicht mit.

Die Einsteiger trifft es zuerst

Wo der Bedarf sinkt, zeigt eine Auswertung der Stanford University. Grundlage sind Lohndaten über 4,6 Millionen amerikanische Beschäftigte. Bei Softwareentwicklern zwischen 22 und 25 Jahren sank die Beschäftigung seit Ende 2022 um 16 Prozent. Bei den über 30-Jährigen in stark KI-exponierten Berufen wuchs sie um 6 bis 12 Prozent. Im Update vom August 2026 liegt die Lücke bei jungen Beschäftigten in KI-nahen Berufen bei 19 Prozent, bei erfahrenen gibt es keine. Der Effekt entsteht durch ausbleibende Einstellungen, weniger durch Entlassungen. Eine breite Verdrängung durch KI sehen die Forscher nicht.

Dazu passt, was Indeed für die USA meldet. Seit Frühjahr 2025 sind die Stellenanzeigen für Softwareentwicklung dort um rund 15 Prozent gestiegen, während der Gesamtmarkt um 7 Prozent nachgab. 71 Prozent dieses Zuwachses entfallen auf Senior-Positionen, 37 Prozent auf Stellen mit KI im Titel. In Deutschland hatte im November 2025 gut jede fünfte Stellenanzeige für Softwareentwicklung einen KI-Bezug.

Was Unternehmen selbst erwarten

Von Stellenabbau berichten die Unternehmen wenig. 42 Prozent der von Bitkom befragten Unternehmen nutzen KI in ihren IT-Teams. Nur 10 Prozent haben deshalb vereinzelt Stellen gestrichen, 85 Prozent nicht. Für die Zukunft rechnen 32 Prozent mit einem Abbau, 65 Prozent nicht. 76 Prozent erwarten, dass sich der Fachkräftemangel weiter verschärft.

Ein Grund liegt nahe: Es wird mehr Software gebaut. Der Anteil der deutschen Unternehmen, die KI nutzen, ist laut Bitkom binnen eines Jahres von 17 auf 41 Prozent gestiegen. Ein Drittel davon meldet höhere Kosten als erwartet. Jedes dieser Systeme muss jemand anbinden, absichern, betreiben und reparieren, wenn es nicht tut, was es soll. Die amerikanische Arbeitsmarktbehörde rechnet für Softwareentwickler bis 2035 mit 10 Prozent mehr Beschäftigung, über alle Berufe mit 3 Prozent. Als einen Treiber nennt sie die Entwicklung von KI-Anwendungen.

Code ist billig, das Urteil nicht

Ich schreibe seit der Schulzeit selbst Software, heute KI-gestützt. Aus dieser Arbeit weiß ich, was technisch realistisch ist und was nur gut klingt. Und ich habe erlebt, wie Digitalisierung in Unternehmen ankommt und woran sie scheitert. Selten liegt es am Code. Meistens hat vorher niemand geklärt, wer mit der Software arbeitet, was für diese Menschen leichter wird und ob sie das Ergebnis gern benutzen. Gute Software beginnt nicht mit Code, sondern mit diesen Fragen, und keine davon beantwortet ein Sprachmodell.

Genau dort bleibt der Bedarf. Ob KI-Code in die bestehenden Systeme passt, die Abläufe der Fachabteilung abbildet und in zwei Jahren noch jemand versteht, beurteilt ein Mensch. Als ich eine Lösung auf eine KI-basierte Fassung umgestellt habe, die Pflichtdokumente automatisch erstellt, blieben Prüfung und Freigabe durch Menschen fester Teil des Ablaufs. Für KI-Agenten, die ganze Arbeitsschritte übernehmen, gilt das erst recht. KI hat den Code billig gemacht. Das Urteil darüber, ob er das Richtige tut, kostet so viel wie vorher.

Was das für Unternehmen bedeutet

Für Geschäftsführer und Personalverantwortliche heißt das: Wer das Entwicklungsbudget kürzt, weil KI den Code schreibt, spart an der falschen Stelle. Die Arbeit wandert vom Schreiben zum Prüfen, Einbinden und Betreiben, und dafür braucht es Leute, die das eigene System kennen. Der DORA-Bericht beschreibt KI als Verstärker dessen, was in einer Organisation schon da ist: Gute Teams werden besser, schwache Teams liefern ihre Probleme schneller aus.

Die zweite Folge betrifft den Nachwuchs. Wer kaum noch Einsteiger einstellt, weil KI deren Aufgaben übernimmt, dem fehlen in einigen Jahren die Erfahrenen, die heute so gesucht sind. Schon jetzt fehlen Bewerbern in einem Drittel der Unternehmen Kenntnisse aktueller Technologien. Das Gegenargument, dank KI könne bald jeder selbst programmieren, trägt nur begrenzt. Bei Stack Overflow geben 77 Prozent an, das sogenannte Vibe Coding, also Programmieren per Zuruf an die KI, beruflich nicht zu nutzen. Der Bedarf an Entwicklern verschiebt sich zu denen, die Anforderungen verstehen, Ergebnisse beurteilen und dafür geradestehen.

Fazit

Die offenen IT-Stellen haben sich in drei Jahren halbiert, und Einsteiger finden schwerer eine Stelle. Trotzdem melden 97 Prozent der Unternehmen mit offenen IT-Stellen Besetzungsprobleme. KI hat das Schreiben von Code billig gemacht. Die Frage, was gebaut werden soll und ob es funktioniert, beantwortet sie nicht.

Entwickler braucht es weiter, an anderer Stelle: als Leute, die Anforderungen verstehen, KI-Ergebnisse beurteilen und für das Ergebnis geradestehen. Wer diesen Bedarf wegkürzt, merkt es spätestens beim ersten System, das niemand mehr versteht.

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