Digitales
Gefunden werden, wenn die KI antwortet: Suchmaschinen im Wandel
Tobias Reinhardtca. 5 Min. Lesezeit
Google beantwortet immer mehr Suchanfragen selbst, mit KI-Übersichten über den Treffern und einem eigenen KI-Modus. Studien messen deutlich weniger Klicks auf Webseiten, Google spricht von stabilen Zahlen und besseren Klicks. Der Beitrag ordnet ein, was belegt ist, wer sichtbar bleibt und was das für Unternehmen bedeutet.
KI-generiert Die Antwort steht schon da
Wer heute bei Google eine Frage eintippt, bekommt oft zuerst einen von KI geschriebenen Text zu lesen. Google nennt das KI-Übersicht. Die zehn blauen Links rücken darunter. Seit Oktober 2025 gibt es in Deutschland, Österreich und der Schweiz zusätzlich den KI-Modus, einen eigenen Reiter in der Suche, in dem Nutzer wie in einem Chat Folgefragen stellen. Für Unternehmen, die über ihre Webseite gefunden werden wollen, ändert das die Spielregeln: Die Suchmaschine liefert nicht mehr nur den Weg zur Antwort, sie liefert die Antwort. Wie stark das die Besucherzahlen trifft, ist umstritten.
Was die Klickstudien zeigen
Das Pew Research Center hat im März 2025 das Suchverhalten von 900 Erwachsenen in den USA ausgewertet, fast 69.000 Google-Suchen. Bei 18 Prozent der Suchen erschien eine KI-Übersicht. Wenn sie da war, klickten Nutzer in 8 Prozent der Fälle auf ein herkömmliches Suchergebnis. Ohne Übersicht waren es 15 Prozent. Auf einen Link innerhalb der Übersicht klickte nur 1 Prozent. Und 26 Prozent der Nutzer beendeten nach einer Seite mit KI-Übersicht ihre Sitzung ganz, ohne Übersicht taten das 16 Prozent.
Das SEO-Werkzeug Ahrefs kommt aus einer anderen Richtung zu ähnlichen Ergebnissen. Es hat 300.000 Suchbegriffe verglichen, je zur Hälfte mit und ohne KI-Übersicht, und dafür Klickdaten aus der Google Search Console ausgewertet. Im April 2025 lag die Klickrate auf den ersten Treffer bei Suchen mit Übersicht um rund 34 Prozent niedriger. Im Februar 2026 wiederholte Ahrefs die Auswertung mit Daten vom Dezember 2025: Der Abstand war auf 58 Prozent gewachsen, und auch die Plätze zwei bis zehn verloren zwischen 19 und 51 Prozent.
Was Google dagegen hält
Google widerspricht. Im August 2025 schrieb Liz Reid, Leiterin der Google-Suche, das gesamte Klickvolumen von der Suche zu Webseiten sei im Jahresvergleich weitgehend stabil geblieben. Google sende sogar etwas mehr „Qualitätsklicks“ als ein Jahr zuvor, gemeint sind Besuche, bei denen der Nutzer nicht sofort zurückspringt. Berichte über drastische Rückgänge beruhten auf fehlerhaften Methoden und Einzelfällen. Eigene Zahlen legte Google nicht vor. Dafür gab es aus der Branche deutliche Kritik, und Verlage wie das Wall Street Journal und die Daily Mail bestätigten sinkenden Google-Traffic.
Beide Seiten können recht haben. Google zählt Klicks insgesamt, die Studien zählen Klicks pro Suche. Wenn Menschen mehr und längere Fragen stellen, kann die Summe stabil bleiben, während jede einzelne Seite weniger bekommt. Google sagt selbst, dass sich der Traffic verschiebt: Foren, Videos, Podcasts und Seiten mit eigenen Erfahrungen und tiefgehenden Inhalten gewinnen, andere verlieren. Im Februar 2026 änderte Google zudem die Darstellung der Links in KI-Übersichten und KI-Modus, mit Vorschaubildern und Textauszügen. Tests hätten mehr Interaktion gezeigt, so Google. Zahlen zu Klicks nannte der Konzern nicht.
Wer zitiert wird und wer nicht
Die KI-Übersicht nennt ihre Quellen. Sichtbar ist also, wer dort auftaucht. Bei Pew waren Wikipedia, YouTube und Reddit die drei meistgenannten Seiten, zusammen 15 Prozent aller Quellen. Behördenseiten erschienen in 6 Prozent der Übersichten, in den herkömmlichen Ergebnissen nur in 2 Prozent. Das passt zu Googles Hinweis auf Foren und Erfahrungsberichte: Die KI bevorzugt Seiten, die etwas Eigenes zu sagen haben, und Seiten, die als verlässlich gelten. Wer nur die zehnte Fassung eines Ratgebers veröffentlicht, konkurriert mit der KI, die genau solche Texte selbst schreibt.
Google beschreibt in seiner Dokumentation für Webseitenbetreiber, wie die Auswahl funktioniert. Die KI stellt zu einer Frage mehrere Teilsuchen zu Unterthemen und sammelt daraus ihre Antwort. Für das Erscheinen in KI-Übersichten und KI-Modus gebe es keine zusätzlichen Anforderungen, es gälten die üblichen Regeln für die Suche. Empfohlen werden hilfreiche, eigenständige Inhalte, Texte mit Bildern und Videos sowie strukturierte Daten, die den sichtbaren Text wiedergeben. Eine eigene Auswertung in der Search Console gibt es nicht, KI-Klicks laufen unter „Web“ mit.
KI-Modus und Chatbots
Der KI-Modus geht einen Schritt weiter als die Übersicht. Google berichtet, dass frühe Nutzer dort zwei- bis dreimal längere Anfragen stellten als in der klassischen Suche und ein breiteres Spektrum an Webseiten besuchten. Belastbare Zahlen zum Klickverhalten im KI-Modus liegen bislang nicht vor.
Daneben wachsen die KI-Chatbots als eigener Zugang zum Netz. Nach Daten des Analyseanbieters Similarweb kam die Kategorie im Mai 2026 weltweit auf 9,5 Milliarden Besuche im Monat, 70 Prozent mehr als ein Jahr zuvor. ChatGPT hielt davon noch 53 Prozent, nach 76 Prozent im Juni 2025, Gemini von Google war auf gut ein Viertel gewachsen. Wie oft ChatGPT dabei Webseiten als Quelle nennt, misst Similarweb für die USA mit 6,8 Prozent der Antworten, im Juni 2025 waren es 1,6 Prozent. Bei Dienstleistungsberufen lag die Quote unter 4 Prozent. Chatbots verweisen also häufiger auf Webseiten als früher, aber noch selten.
Was das für Unternehmen heißt
Für ein Unternehmen mit eigener Webseite folgen daraus drei nüchterne Beobachtungen. Erstens: Besucher aus der Suche werden bei informierenden Fragen weniger, egal ob Google oder die Studien die bessere Rechnung haben. Ein Blick in die eigenen Besucherzahlen zeigt, welche Seiten seit 2025 verloren haben und welche Anfragen dahinterstehen. Zweitens: Die Quellen der KI sind sichtbar, und Google beschreibt, was zitiert wird: eigene Erfahrungen, Fachwissen aus erster Hand, klare Struktur. Das ist dieselbe Empfehlung wie seit Jahren, nur mit härterer Konsequenz für austauschbare Texte. Drittens: Ein Klick ist nicht mehr der einzige Maßstab. Ein Unternehmen, das in einer KI-Übersicht als Quelle genannt wird, ist sichtbar, auch wenn niemand klickt. Was diese Nennung wert ist, hängt davon ab, ob die Webseite Bekanntheit, Vertrauen oder Anfragen bringen soll.
Dass Google für den Inhalt seiner KI-Übersichten auch rechtlich geradestehen muss, haben deutsche Gerichte inzwischen entschieden. Für die Sichtbarkeit zählt, dass die Suchmaschine ihre Rolle wechselt: vom Wegweiser zum Auskunftgeber, der seine Quellen nennt.
Fazit
Studien von Pew und Ahrefs messen bei Suchen mit KI-Übersicht rund die Hälfte weniger Klicks auf Webseiten. Google hält dagegen, das Gesamtvolumen sei stabil und die Klicks besser, nennt aber keine Zahlen. Einig sind sich beide, dass der Traffic sich verschiebt: zu Seiten mit eigenem Wissen, echter Erfahrung und Verlässlichkeit.
Für Unternehmen wird die Nennung als Quelle zur zweiten Währung neben dem Klick. Der KI-Modus und die Chatbots verstärken diese Entwicklung, belastbare Zahlen dazu fehlen noch.











