Legal-Tech
Müssen Anwälte programmieren lernen?
Tobias Reinhardtca. 5 Min. Lesezeit
Programmierkurse für Juristen gibt es seit Jahren, und die Frage, ob Anwälte programmieren lernen müssen, wird seit fast einem Jahrzehnt diskutiert. Meine Antwort: Nein. Eine Kanzlei braucht keinen Anwalt, der Python schreibt. Sie braucht Anwälte, die ihre Arbeit so genau beschreiben können, dass Software sie abbilden kann. Das ist schwerer, als es klingt.
KI-generiert Eine alte Frage mit neuer Dringlichkeit
Schon 2017 schrieb der Steuerrechtler Heribert Anzinger, Anwälte der Zukunft müssten nicht programmieren können, aber verstehen, wie Programme funktionieren. Seitdem hat sich die Debatte nicht erledigt, sondern verschoben. Die Universität Hannover bietet ein Blockseminar an, in dem Jurastudenten in Java ein Programm schreiben, das einfache Rechtsfragen entscheidet. Und im Februar 2025 forderten Bundesrechtsanwaltskammer, Anwaltverein und weitere Verbände gemeinsam eine Reform der Juristenausbildung mit mehr digitaler Kompetenz.
Bemerkenswert an dieser Stellungnahme ist, was fehlt. Die Verbände verlangen einen kritischen Umgang mit Daten und KI, ein Verständnis für Datenqualität und für algorithmische Diskriminierung. Das Wort Programmieren kommt nicht vor. Die Berufsverbände haben die Frage also längst beantwortet, nur hat es kaum jemand bemerkt.
Was ein Programmierkurs wirklich lehrt
Ich schreibe seit meiner Schulzeit selbst Code, autodidaktisch gelernt, ohne Kurs und ohne Studium. Deshalb weiß ich, was an einem Programmierkurs für Anwälte wertvoll ist, und es ist nicht die Programmiersprache. Wertvoll ist die Denkweise, die das Programmieren erzwingt. Ein Programm tut nur, was beschrieben ist. Jede Ausnahme braucht eine Regel, jede Regel eine Reihenfolge, und was der Autor vergessen hat, passiert schlicht nicht.
Juristen sind diese Strenge gewohnt, allerdings mit einem Unterschied. Ein Schriftsatz darf Lücken haben, weil auf der anderen Seite ein Mensch liest, der mitdenkt. Software denkt nicht mit. Wer einmal versucht hat, eine Fristenberechnung als Ablauf mit allen Sonderfällen aufzuschreiben, versteht danach, warum Kanzleisoftware so oft anders arbeitet, als der Anwalt es erwartet hätte. Diese Erkenntnis hat mit Java oder Python wenig zu tun. Sie entsteht beim Beschreiben, nicht beim Tippen.
Warum trotzdem niemand Code schreiben muss
Das Programmieren selbst ist Handwerk, und Handwerk braucht Übung. Wer einmal im Jahr ein Skript schreibt, schreibt schlechte Skripte. Anwälte, die nebenbei programmieren, produzieren in der Regel Software, die niemand wartet, die keiner dokumentiert hat und die beim nächsten Update der Kanzleisoftware stehen bleibt. Das ist kein Vorwurf. Niemand erwartet von einem Programmierer, dass er nebenbei einen Arbeitsvertrag entwirft.
Dazu kommt, dass sich das Handwerk gerade selbst verändert. Ich programmiere heute KI-gestützt. Der Anteil an Arbeit, der aus dem Tippen von Code besteht, sinkt. Was bleibt und wichtiger wird, ist die Beschreibung: Was soll das Programm tun, in welchen Fällen, mit welchen Ausnahmen? Genau diesen Teil beherrschen Juristen im Prinzip besser als die meisten Berufsgruppen. Sie müssen ihn nur auf ihre eigene Arbeit anwenden, statt auf den Sachverhalt eines Mandanten.
Was Kanzleien stattdessen brauchen
Eine Umfrage unter rund 80 Kanzleien, die zwischen Mai und August 2025 lief, zeigt den Stand der Dinge: 22 Prozent arbeiten nicht digital oder haben nur Grundlagen gelegt, 16 Prozent nutzen konkrete KI-Werkzeuge. Die Hälfte der Teilnehmer waren Einzelanwälte. Für diese Kanzleien ist Programmieren nicht die nächste Stufe. Die nächste Stufe ist die Frage, welche Arbeit sich in der Kanzlei tatsächlich wiederholt.
Gute Software beginnt nicht mit Code, sondern mit den richtigen Fragen. Welche Schreiben gehen jede Woche in fast gleicher Form raus? Welche Prüfung läuft bei jedem Mandat gleich ab? Wo hängt die Entscheidung am Einzelfall, sodass Software sie nicht treffen darf? Wer diese Fragen beantworten kann, kann mit jedem Entwickler und jedem Softwareanbieter auf Augenhöhe sprechen. Er erkennt, ob ein Versprechen in der Präsentation im Betrieb trägt. Wer sie nicht beantworten kann, dem hilft auch ein Python-Kurs nicht weiter.
Der Legal-Tech-Monitor 2025 des Legal Tech Verbands zählt rund 300 Anbieter auf dem deutschen Markt, von denen über 80 Prozent KI in ihr Geschäftsmodell einbauen. Die Software gibt es also. Was fehlt, sind Kanzleien, die genau sagen können, was sie damit tun wollen.
Wo das Gegenargument recht hat
Die Befürworter des Programmierens für Juristen haben in einem Punkt recht: Wer nie eine Zeile Code geschrieben hat, dem fehlt die Vorstellung davon, was Software kostet. Ein zusätzliches Feld in der Akte klingt nach einer Stunde Arbeit und bedeutet oft mehrere Wochen. Ein Anwalt, der das einmal selbst erlebt hat, formuliert seine Wünsche anders und verhandelt mit Anbietern realistischer.
Deshalb halte ich Kurse wie das Seminar in Hannover für sinnvoll, nur aus einem anderen Grund als angenommen. Sie sollen keine Programmierer ausbilden. Sie sollen Anwälten einmal zeigen, wie unnachgiebig eine Maschine auf unklare Anweisungen reagiert. Wer das erlebt hat, beschreibt seine Arbeit danach genauer. Und für die andere Seite gilt dasselbe: Ein Entwickler, der nie einen Fristenlauf berechnet hat, baut Kanzleisoftware an den Menschen vorbei, die später damit arbeiten. Die Lücke liegt zwischen den Sprachen, und sie schließt sich nur, wenn sich beide Seiten bewegen.
Fazit
Anwälte müssen nicht programmieren lernen. Sie müssen lernen, ihre Arbeit so zu beschreiben, wie ein Programm sie braucht: Schritt für Schritt, mit jeder Ausnahme, ohne die Hoffnung, dass jemand mitdenkt. Das ist der Teil des Programmierens, der im Kanzleialltag wirklich zählt, und er braucht keine Programmiersprache.
Ein Programmierkurs kann diese Denkweise vermitteln. Wer danach nie wieder Code schreibt, hat trotzdem etwas gelernt, das in jedem Gespräch mit einem Softwareanbieter hilft.











