Digitales
Vom Programmierer zum Architekten: die neue Rolle der Entwickler
Tobias Reinhardtca. 4 Min. Lesezeit
KI-Werkzeuge erzeugen Code, Tests und Standardlogik in Sekunden. Damit verschiebt sich die Arbeit von Softwareentwicklern: weg vom Schreiben, hin zu Zielen, Architektur, Prüfung und Verantwortung. Warum das für Unternehmen wichtiger ist als jede Produktivitätszahl, und wo die Grenzen dieser Verschiebung liegen.
KI-generiert Code wird zur Massenware
Wer heute ein Digitalprojekt beauftragt, trifft auf Entwickler, die anders arbeiten als noch vor drei Jahren. Nach dem DORA-Bericht von Google aus dem Jahr 2025 nutzen 90 Prozent der rund 5.000 befragten Fachleute KI in der Softwareentwicklung. Die Stack-Overflow-Umfrage 2025 mit rund 34.000 Teilnehmern kommt auf 84 Prozent, die KI-Werkzeuge nutzen oder das planen. Der Bitkom zieht in seiner Studie „Softwarewelt 2036“ die Folgerung: Code selbst wird zur Massenware. KI-Agenten erzeugen Code, Tests und Standardlogik auf Zuruf.
Meine These: Der Entwickler verliert damit nicht seinen Wert, sondern seinen alten Platz im Projekt. Er rückt vom Ende der Kette an den Anfang. Dort legt er fest, was gebaut wird, wie die Teile zusammenpassen und wer für das Ergebnis geradesteht. Aus dem Programmierer wird ein Architekt, der zur Not auch noch mauern kann.
Neue Aufgaben für Softwareentwickler
Gartner hat die Verschiebung 2024 in drei Stufen beschrieben. Kurzfristig steigern KI-Werkzeuge die Produktivität nur mäßig, weil sie vorhandene Arbeitsweisen ergänzen. Mittelfristig übernehmen KI-Agenten ganze Aufgaben, die Entwickler abgeben. Langfristig entsteht ein Berufsbild, das Softwaretechnik, Datenkompetenz und KI verbindet. Gartner erwartet deshalb, dass 80 Prozent der Entwickler bis 2027 dazulernen müssen.
Der Bitkom benennt, was dann zählt: Zieldefinition, Architektur, Kontext, Qualität und Verantwortung. Konzepte und Zielverständnis wiegen schwerer als Syntax, die Spezialisierung auf einzelne Programmiersprachen verliert an Wert. Golo Roden, technischer Geschäftsführer eines Softwareunternehmens, hat es auf heise zugespitzt: Wenn Code billig wird, zählt die Frage, welcher Code überhaupt entstehen sollte. Ein Sprachmodell kennt die Logik eines bestimmten Unternehmens nicht.
Ich stelle jedem Projekt drei Fragen, bevor ich baue: wer damit arbeitet, was leichter wird und ob es gern genutzt wird. KI ändert an diesen Fragen nichts, macht es aber teurer, sie zu überspringen, weil der falsche Code jetzt in Minuten statt in Wochen entsteht.
Verantwortung bleibt beim Menschen
Je mehr Code Maschinen schreiben, desto weniger trauen ihm die Menschen, die damit arbeiten. Das ist gemessen. In der Stack-Overflow-Umfrage 2025 vertrauen 29 Prozent der Entwickler der Genauigkeit von KI-Ergebnissen, ein Jahr zuvor waren es 40 Prozent. Nur 3 Prozent vertrauen ihnen stark. Die häufigste Klage nennen zwei Drittel der Befragten: Die Lösung ist fast richtig, aber eben nicht ganz.
Genau daraus entsteht die neue Aufgabe. Der Bitkom hält fest, dass die menschliche Genehmigung an passenden Stellen relevant bleibt und jede Agentenaktion und jede Codeänderung nachvollziehbar protokolliert sein muss. Die Verantwortung bleibt beim Menschen. Das deckt sich mit meiner Erfahrung: Ich habe eine Lösung auf eine KI-basierte Fassung umgestellt, die Pflichtdokumente automatisch erstellt. Ein Mensch prüft und gibt frei. Wie der Architekt für die Statik steht der Entwickler künftig für das Ergebnis gerade, auch wenn er keinen Stein selbst gesetzt hat.
Was gegen die These spricht
Die Einwände sind ernst zu nehmen. Das Forschungsinstitut METR hat 2025 in einem kontrollierten Versuch 16 erfahrene Entwickler in ihren eigenen Projekten beobachtet. Mit KI-Werkzeugen brauchten sie 19 Prozent länger, glaubten hinterher aber, 20 Prozent schneller gewesen zu sein. Eine Wiederholung Ende 2025 mit 57 Entwicklern fand keinen belastbaren Vorteil, und METR selbst hält diese Daten wegen Verzerrungen bei der Aufgabenwahl für wenig verlässlich. Wer behauptet, KI mache jeden Entwickler doppelt so schnell, hat dafür keinen sauberen Beleg.
Der DORA-Bericht ergänzt: KI verstärkt, was in einem Team schon vorhanden ist, Stärken wie Schwächen. Und die Bitkom-Studie beruht auf Interviews mit Führungskräften und ist nach eigener Angabe nicht repräsentativ. Die Studie beschreibt eine Erwartung, keinen Ist-Zustand. Gerade diese Einwände stützen aber die These. Wenn KI nur verstärkt, hängt das Ergebnis mehr denn je an denen, die Ziele setzen und die Architektur festlegen.
Was das für Unternehmen bedeutet
Für Geschäftsführer und Rechtsabteilungen, die Software beauftragen, hat die Verschiebung drei Folgen. Erstens gerät die Abrechnung nach Stunden unter Druck. Der Bitkom erwartet, dass Kunden künftig für messbare Ergebnisse zahlen, etwa eine behobene Sicherheitslücke oder eine bestandene Prüfung. Wer Angebote vergleicht, schaut deshalb besser weniger auf den Tagessatz und mehr darauf, wer das Konzept verantwortet.
Zweitens ändert sich, wer bauen kann. Der Bitkom sieht Fachexperten, die mit KI-Werkzeugen produktionsfähige Lösungen erstellen und nicht mehr nur Prototypen. Das ist eine Chance und zugleich ein Haftungsthema, denn wer im Unternehmen Software erzeugt, trägt dafür Verantwortung, ob er sich als Entwickler versteht oder nicht. Drittens verschiebt sich das Anforderungsprofil. Der Bitkom beschreibt den Fachkräftemangel inzwischen als Mangel an Menschen, die Fachwissen mit der Steuerung von KI verbinden. Gesucht sind Übersetzer zwischen Fachbereich, Technik und Regulierung.
Fazit
KI macht das Schreiben von Code billig und das Entscheiden teuer. Die Rolle des Entwicklers wandert zu Zielen, Architektur und Verantwortung, und dort entsteht der Wert eines Digitalprojekts. Unternehmen beurteilen Entwickler deshalb am besten danach, wie sie Fragen stellen und Entscheidungen begründen. Die Zahl der gelieferten Zeilen sagt darüber nichts mehr aus.











