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Fehlerkultur: Teams lernen nur, wenn niemand Angst hat

Tobias Reinhardtca. 5 Min. Lesezeit

Die am besten geführten Krankenhausstationen meldeten die meisten Fehler. Mit dieser Beobachtung begann vor dreißig Jahren die Forschung zur psychologischen Sicherheit, und sie hat sich seitdem in Fabriken, bei Google und in Metaanalysen bestätigt: Teams lernen aus Fehlern nur, wenn niemand Angst hat, sie zu melden. Warum eine gute Fehlerkultur mehr ist als Nachsicht und warum das Arbeitsrecht hier weiter ist als manche Führungsetage.

Mitarbeiter prüft an einer Werkbank ein Metallteil, daneben Kisten für gute und aussortierte Teile. KI-generiert

Die Statistik misst den Mut

Mitte der neunziger Jahre untersuchte die Forscherin Amy Edmondson auf acht Stationen zweier Krankenhäuser, wie oft Pflegekräfte Medikamente falsch verabreichen. Sie erwartete, dass die besser geführten Stationen weniger Fehler machen. Das Ergebnis war das Gegenteil: Die Stationen mit den besten Beziehungen im Team und den engagiertesten Stationsleitungen wiesen die höchsten Fehlerzahlen aus.

Ein großer Teil der erfassten Fehler stammte aus freiwilligen Meldungen. Wo die Pflegekräfte einander vertrauten und keine Abstrafung fürchteten, meldeten sie ihre Fehler. Wo Angst herrschte, blieben die Fehler unsichtbar, geschahen aber trotzdem. Die Fehlerstatistik hatte weniger die Sorgfalt gemessen als die Bereitschaft, über Fehler zu sprechen. Daraus entstand das Forschungsfeld, das heute psychologische Sicherheit heißt.

Was psychologische Sicherheit ist

Edmondson definierte den Begriff 1999 als geteilte Überzeugung eines Teams, dass man dort zwischenmenschliche Risiken eingehen kann. Gemeint ist: eine Frage stellen, einen Fehler zugeben, dem Chef widersprechen, ohne dafür bloßgestellt zu werden. In einer Studie mit 51 Teams eines Fertigungsunternehmens zeigte sie, dass Teams mit dieser Sicherheit mehr Lernverhalten zeigen, also Fehler besprechen, Rückmeldungen einholen und Abläufe anpassen. Über dieses Lernverhalten führte die Sicherheit zu besserer Leistung.

Google prüfte das später an sich selbst und untersuchte 180 eigene Teams. Wer im Team sitzt, erwies sich als weniger wichtig als die Frage, wie das Team miteinander umgeht. Von fünf Merkmalen wirksamer Teams stand psychologische Sicherheit an erster Stelle, vor Verlässlichkeit, Klarheit, Sinn und Wirkung. Google berichtet, dass Mitglieder solcher Teams seltener kündigen, mehr Umsatz bringen und von Führungskräften doppelt so oft als wirksam bewertet werden.

Eine Metaanalyse aus dem Jahr 2017 fasste 136 Studien mit über 22.000 Personen zusammen. Psychologische Sicherheit hängt danach mit Informationsaustausch, Lernverhalten, Kreativität, Engagement und Leistung zusammen. Auf der Seite der Ursachen stehen das Verhalten der Führung und ein unterstützendes Arbeitsumfeld.

Angst in deutschen Büros

Wie es hierzulande aussieht, zeigt eine Umfrage von YouGov für die AXA aus dem Jahr 2024 mit rund 2.100 Befragten. Ein Viertel traut sich nicht, einen Fehler im Job offen zuzugeben. Bei den unter 25-Jährigen sind es 44 Prozent. 23 Prozent rechnen mit negativen Folgen, wenn sie einen Fehler offenlegen, und 27 Prozent meinen, sie müssten berufliche Fehler allein ausbaden. Nach einem Fehler wenden sich fünf Prozent zuerst an die Führungskraft. Der Partner zu Hause erfährt es weit häufiger als der Chef.

Die Richtung stimmt wenig hoffnungsvoll. Das DGUV Barometer Arbeitswelt 2025, eine forsa-Umfrage für die gesetzliche Unfallversicherung, zeigt: 51 Prozent berichten von höherem Zeitdruck, 43 Prozent von einem gereizteren Betriebsklima und 29 Prozent von einer sinkenden Fehlerkultur. Die drei Zahlen stehen im selben Atemzug, und das passt zusammen: Wer unter Druck steht und angeschnauzt wird, behält seinen Fehler lieber für sich und hofft, dass ihn niemand bemerkt.

Was das Arbeitsrecht längst weiß

Das Recht ist hier weiter als manche Führungsetage. Wer bei der Arbeit aus leichter Fahrlässigkeit einen Schaden verursacht, haftet dafür in aller Regel nicht. Erst bei grober Fahrlässigkeit, also wenn jemand missachtet, was jedem hätte einleuchten müssen, oder bei Vorsatz haftet ein Arbeitnehmer voll. Ein einzelner Fehler trägt auch selten eine Kündigung. Meist muss zuerst eine Abmahnung kommen, also eine förmliche Verwarnung. Das Arbeitsrecht unterscheidet also seit Jahrzehnten zwischen dem Ausrutscher und der Pflichtverletzung. Diese Unterscheidung fehlt überall dort, wo jeder Fehler gleich behandelt wird: als Makel.

Verstecken hat außerdem einen Preis, der über das Team hinausgeht. Verschickt ein Mitarbeiter Kundendaten an den falschen Empfänger, ist das eine Datenpanne. Das Unternehmen muss sie in der Regel binnen 72 Stunden nach Kenntnis der Aufsichtsbehörde melden. Diese Frist hilft nur, wenn der Fehler intern sofort ankommt. Ein Team, das ihn aus Angst verschweigt, macht aus einem falschen Klick einen Verstoß mit Bußgeldrisiko. Angst im Team ist damit auch ein Compliance-Risiko.

Fehlerkultur ist keine Kuschelecke

Der häufigste Einwand lautet, eine gute Fehlerkultur bedeute Nachsicht mit Schlamperei. Edmondson selbst hat darauf die klarste Antwort. Sie unterscheidet drei Arten des Scheiterns: vermeidbare Fehler in Routineabläufen, komplexe Fehler in unübersichtlichen Systemen und intelligente Fehler beim Ausprobieren von Neuem. Wer bewusst gegen bekannte Regeln verstößt, steht am einen Ende ihrer Skala, und dort sind Konsequenzen angebracht. Am anderen Ende steht das Experiment, dessen Scheitern die wertvollste Information liefert. Psychologische Sicherheit heißt, dass ein Team offen darüber spricht, welche Sorte Fehler gerade vorliegt. Sie heißt nicht, dass alle Sorten folgenlos bleiben.

Der zweite Einwand ist ernster: Führungskräfte haben wenig Zeit, und der Zeitdruck nimmt zu. Dazu passt Edmondsons Beobachtung aus zwanzig Jahren Forschung. Die Manager, die sie begleitet hat, wollten aus Fehlern lernen und hielten dafür Nachbesprechungen ab. Verändert hat sich trotzdem wenig, weil sie in jedem Fehler zuerst nach dem Schuldigen suchten. Der Aufwand war da, er lief nur ins Leere.

Führung entscheidet über die Angst

Auf den Krankenhausstationen war die Stationsleitung die stärkste Einflussgröße: Wo sie coachte und Orientierung gab, meldeten die Pflegekräfte ihre Fehler. Die Metaanalyse von 2017 bestätigt, dass Führungsverhalten zu den wichtigsten Ursachen psychologischer Sicherheit gehört. Eine Führungskraft erzeugt Angst, indem sie den Überbringer schlechter Nachrichten vor allen abkanzelt. Sie baut Angst ab, indem sie eigene Fehler zuerst nennt, Fragen ernst nimmt und nach einer Meldung als Erstes fragt, was das Team daraus lernt.

Für mich ist das Miteinander im Team wichtiger als jede Kennzahl, weil die Kennzahlen daraus erst entstehen. Aus Vertrauen entsteht Leistung, und Vertrauen zeigt sich nirgends deutlicher als in dem Moment, in dem jemand sagt: Das war ich. Wer Neues einführt, neue Software, neue Abläufe, neue KI-Werkzeuge, wird anfangs Fehler sehen. Ob das Team sie meldet oder versteckt, hängt davon ab, was beim letzten Mal passiert ist.

Fazit

Die Fehlerzahl eines Teams sagt wenig über seine Sorgfalt und viel über seine Angst. Seit Edmondsons Krankenhausstudie belegen Forschung und Unternehmenspraxis dasselbe Muster: Teams lernen aus Fehlern nur dort, wo niemand fürchten muss, für die Meldung bestraft zu werden.

Eine gute Fehlerkultur ist deshalb kein Freibrief, sondern eine Voraussetzung. Sie unterscheidet zwischen Regelbruch und Ausrutscher, so wie es das Arbeitsrecht seit langem tut, und sie beginnt bei der Führungskraft, die als Erste zugibt, dass sie danebenlag.

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