Legal-Tech

Richtig fragen: wie Anwälte mit KI-Werkzeugen arbeiten

Tobias Reinhardtca. 5 Min. Lesezeit

Ein Sprachmodell kennt die Akte nicht, nur die Anfrage. Wer vage fragt, bekommt Texte, die gut klingen und zu keinem Fall passen. Der Beitrag zeigt, wie Anwälte in kleinen Kanzleien KI-Werkzeuge richtig prompten: mit Rolle, Kontext, Aufgabe und Format, mit der Anweisung, Unsicherheiten zu markieren, und ohne Mandantendaten.

Hände mit Stift und Notizblock neben einem aufgeklappten Laptop auf einem Kanzleischreibtisch KI-generiert

Die Frage bestimmt die Antwort

Ein Sprachmodell wie ChatGPT oder Claude ist kein Kollege, der die Akte kennt. Es kennt nur, was in der Anfrage steht. Wer „Schreib mir was zu Kündigungsfristen“ eingibt, bekommt einen Text, der ordentlich klingt und zu keinem konkreten Fall passt. Die Anbieter selbst raten, sich das Werkzeug wie einen klugen neuen Mitarbeiter vorzustellen, der die Gepflogenheiten des Hauses noch nicht kennt. Je genauer die Anweisung, desto brauchbarer das Ergebnis.

Für kleine Kanzleien ist das eine gute Nachricht. Richtig prompten, also eine KI-Anfrage sauber formulieren, kostet keine Software und keine IT-Abteilung. Es kostet zwei Minuten Nachdenken vor dem Tippen. Eine einfache Probe hilft: Würde ein Referendar mit dieser Anweisung wissen, was zu tun ist? Wenn nicht, weiß es die KI auch nicht.

Rolle, Kontext, Aufgabe, Format

Die Fachliteratur für Juristen nennt immer dieselben vier Bausteine. Erstens die Rolle: „Du bist Anwalt für Arbeitsrecht und schreibst für einen Mandanten ohne juristische Vorkenntnisse.“ Die Rolle lenkt Ton und Tiefe. Zweitens der Kontext: An wen richtet sich der Text, welches Ziel verfolgt er, welche Ausgangslage gilt? Ohne Kontext bleibt jede Antwort Durchschnittssprache. Drittens die Aufgabe, so konkret wie möglich: „Fasse das folgende Urteil in höchstens 200 Wörtern zusammen“ statt „Was sagt dieses Urteil?“. Viertens das Format: Stichpunkte, Tabelle, Gliederung im Gutachtenstil, Länge.

Ein Beispiel für eine Anfrage, wie sie in einer Kanzlei mit drei Anwälten täglich vorkommen könnte: „Du bist Rechtsanwalt. Ein Mandant hat eine ordentliche Kündigung erhalten und möchte wissen, welche Fristen für eine Klage gelten. Erkläre in fünf kurzen Absätzen für einen Laien, ohne Paragraphen zu zitieren, welche Schritte jetzt anstehen.“ Das Ergebnis ist ein Entwurf, den der Anwalt prüft und anpasst. Kein fertiges Schreiben.

Hilfreich ist auch, der KI eine gute Vorlage aus dem eigenen Bestand mitzugeben, anonymisiert. Das Modell erkennt daran Aufbau, Ton und Detailgrad, die in der Kanzlei üblich sind. Wer keine Vorlage hat, kann die KI zunächst bitten, selbst den besten Prompt für die Aufgabe zu formulieren, und diesen dann verwenden.

Lücken markieren statt füllen

Sprachmodelle antworten selbstsicher, auch wenn sie falsch liegen. Die Bundesrechtsanwaltskammer beschreibt das in ihren Hinweisen zum KI-Einsatz vom Dezember 2024 so: Die Antworten klingen oft plausibel, sind aber inhaltlich falsch. Das Phänomen heißt Halluzination. Eine Untersuchung der Stanford University aus dem Jahr 2024 fand selbst bei spezialisierten juristischen Recherchewerkzeugen großer Anbieter erfundene oder falsche Angaben in 17 bis 33 Prozent der Fälle. Bei einem allgemeinen Modell lag die Quote höher.

Dagegen hilft eine klare Anweisung im Prompt: „Wenn du dir bei einer Aussage nicht sicher bist, kennzeichne sie als unsicher. Erfinde keine Fundstellen.“ Eine zweite Technik ist die Selbstprüfung: „Nenne die drei wichtigsten Risiken in diesem Vertrag. Nenne anschließend drei Schwächen deiner eigenen Analyse.“ Auch die Bitte um Gegenargumente zur eigenen Rechtsposition liefert oft mehr als die Bitte um Bestätigung.

Keine dieser Techniken ersetzt die Prüfung. Die Kammer nennt es Plausibilitätskontrolle und sieht sie als Pflicht. Jede Fundstelle, jedes Datum und jede Frist aus einer KI-Antwort wird nachgeschlagen, bevor sie in einen Schriftsatz wandert.

Nachsteuern statt neu anfangen

Ein Prompt ist selten beim ersten Versuch fertig. Der Vorteil eines Sprachmodells ist der Dialog. Statt die Anfrage zu verwerfen, lässt sich das Ergebnis Schritt für Schritt nachbessern: „Formuliere formeller.“ „Kürze auf die Hälfte.“ „Ergänze ein Beispiel für den Mandanten.“ Wer eine Anfrage gefunden hat, die gut funktioniert, speichert sie als Textbaustein. So entsteht mit der Zeit eine kleine Sammlung erprobter Prompts für wiederkehrende Aufgaben: Mandantenschreiben, Urteilszusammenfassung, Fristenübersicht, Gliederung.

Ein Fehler in die andere Richtung ist die zu kurze Frage. Fachautoren empfehlen für komplexe Aufgaben bewusst ausführliche Anweisungen mit Beispielen und Erläuterungen. Sonst vereinfacht das Modell zu früh und lässt genau die Feinheiten weg, auf die es juristisch ankommt.

Mandantendaten bleiben draußen

Der beste Prompt taugt nichts, wenn er das Mandatsgeheimnis verletzt. Die Verschwiegenheitspflicht gilt beim Einsatz von KI uneingeschränkt. Die Bundesrechtsanwaltskammer empfiehlt, wenn irgend möglich nur anonymisierte oder abstrahierte Eingaben zu machen. Ein Prompt wird also so gebaut, dass er ohne Namen, Adressen und erkennbare Fallumstände auskommt. „Ein Arbeitnehmer mit acht Jahren Betriebszugehörigkeit erhält eine betriebsbedingte Kündigung“ reicht für die meisten Fragen aus. Der Name des Mandanten und des Arbeitgebers gehören nicht hinein.

Wer Dokumente hochlädt, entfernt vorher alle personenbezogenen Daten und Fallnamen. Wer Mandantendaten trotzdem in ein KI-System eingeben will, braucht einen Vertrag mit dem Anbieter, der Verschwiegenheit sichert und die Nutzung der Daten für das Training ausschließt, dazu eine Vereinbarung zur Auftragsverarbeitung nach der DSGVO. Für die meisten kleinen Kanzleien ist die abstrakte Anfrage der einfachere und sicherere Weg.

Fazit

Gute KI-Ergebnisse entstehen vor dem Tippen: Rolle, Kontext, Aufgabe und Format in die Anfrage schreiben, Unsicherheiten markieren lassen und im Dialog nachsteuern. Was die KI liefert, ist ein Entwurf, den der Anwalt prüft.

Die nächsten Schritte für eine kleine Kanzlei: eine wiederkehrende Aufgabe auswählen, dafür einen Prompt nach den vier Bausteinen schreiben, ohne Mandantendaten testen und die beste Fassung als Textbaustein ablegen.

Blog

Passend zum Weiterlesen

Alle Beiträge

Offen für Neues

Bereit für neue Legal-Tech-Projekte

Zum Jahresende 2026 bin ich frei für eine neue Aufgabe. Mein Ziel ist es, aus einer starken anwaltlichen Position heraus Legal Tech und KI in einer Kanzlei oder einem Unternehmen zu verantworten und diese damit zum Vorreiter im eigenen Markt zu machen.

  • Legal-Tech-Ideen entwickeln, bewerten und verantworten
  • Produkte von der Konzeption bis zum laufenden Betrieb umsetzen
  • Teams aus Juristen und Entwicklern führen
  • Kanzleiabläufe verbessern und Angebote für Mandanten schaffen
  • KI rechtssicher und wirtschaftlich einsetzen
Laptop mit dem Ergebnis des Kanzlei-Schnellchecks KI-generiert

Mein Kanzlei-Schnellcheck

Wo steht Ihre Kanzlei im Legal Tech?

15 Fragen zu Abläufen, KI und Mandantenservice, in rund fünf Minuten beantwortet. Am Ende erhalten Sie Ihre Auswertung als PDF. Fragen, Auswertung und PDF entstehen vollständig in Ihrem Browser. Ihre Antworten bleiben also ausschließlich bei Ihnen.