Digitales

Programmieren mit Claude Code: Wie sich meine Arbeit verändert hat

Tobias Reinhardtca. 5 Min. Lesezeit

Über zwanzig Jahre habe ich Code Zeile für Zeile getippt. Seit ich mit Claude Code programmiere, beschreibe ich, was die Software tun soll, steuere mehrere Sitzungen nebeneinander und lese mehr, als ich schreibe. Was sich dabei verändert hat, was schiefging und warum Regeln und Prüfung wichtiger geworden sind als die Tastatur.

Blick von oben auf einen Schreibtisch mit drei geöffneten Laptops nebeneinander, eine Hand hält ein Diktiergerät. KI-generiert

Beschreiben statt tippen

Ich habe mir das Programmieren als Schüler selbst beigebracht: HTML, CSS, PHP, MySQL. Über zwanzig Jahre lang hieß Programmieren für mich: Editor auf, Zeile für Zeile tippen, speichern, Browser neu laden, Fehler suchen. Seit ich mit Claude Code arbeite, einem KI-Programmierwerkzeug von Anthropic, fängt meine Arbeit anders an. Ich beschreibe, was die Software tun soll, oft per Sprache statt über die Tastatur. Das Werkzeug liest den vorhandenen Code, ändert Dateien und führt Befehle aus. Ich lese das Ergebnis.

Das klingt nach weniger Arbeit. Es ist andere Arbeit. Die Zeit, die früher ins Tippen ging, geht heute in die Frage, was ich eigentlich will. Eine unscharfe Beschreibung liefert scharf aussehenden Code, der das Falsche tut. Deshalb formuliere ich heute sorgfältiger, als ich je getippt habe. Auf meiner Webseite steht seit Jahren, dass gute Software mit den richtigen Fragen beginnt und nicht mit Code. Mit einem KI-Werkzeug gilt das wörtlich.

Mehrere Sitzungen parallel

Die größte Umstellung war das Steuern mehrerer Sitzungen gleichzeitig. Bei meiner Webseite baut eine Sitzung das Redaktionssystem in PHP, eine andere entwickelt die Blog-Strategie und die Schreibregeln. Beide arbeiten am selben Projekt. Damit sie sich nicht gegenseitig die Dateien überschreiben, stimmen sie untereinander ab, wer was anfasst. Anthropic beschreibt in seiner Dokumentation dafür getrennte Arbeitskopien des Projekts, damit parallele Änderungen nicht kollidieren, und eine Ansicht, in der mehrere Sitzungen nebeneinander laufen.

Für mich fühlt sich das weniger nach Programmieren an und mehr nach dem Führen eines kleinen Teams. Ich gebe Aufgaben, oft mehrere kurz hintereinander, auch mitten in laufender Arbeit. Ich warte nicht, bis eine Sitzung fertig ist, sondern schaue bei der nächsten vorbei. Wer je Spezialisten geführt hat, kennt die Kehrseite: Wer viele Aufgaben gleichzeitig vergibt, verliert schnell den Überblick, was gerade wo passiert. Dagegen hilft nur, die Aufgaben sauber zu trennen.

Regeln aufschreiben

Der erste Blogbeitrag, den die KI für mich geschrieben hat, war geschwollen, kaum verständlich, ein Unsinntext. Meine Reaktion war, Regeln aufzuschreiben: nichts erfinden, keine Floskeln, keine Anrede, kurze Abschnitte mit kurzen Zwischenüberschriften, immer ein Fazit, sachlich, aber unterhaltsam. Seitdem liest jede Sitzung diese Regeln, bevor sie anfängt.

Genau das ist in Claude Code vorgesehen. Laut Anthropic liest das Werkzeug zu Beginn jeder Sitzung eine Anweisungsdatei im Projekt, in der Standards und Entscheidungen stehen. Die Dokumentation sagt aber auch offen, dass solche Regeln Kontext sind und keine erzwungene Einstellung. Das deckt sich mit meiner Erfahrung: Eine Regel zu Gerichtsurteilen hatte die KI anfangs falsch verstanden. Einmal entstanden zwei Beiträge zum selben Urteil. Regeln helfen, ersetzen aber den Blick auf das Ergebnis nicht.

Dasselbe gilt für Code. Details, die mir wichtig sind, stehen inzwischen schriftlich fest: Die Inhaltsbox neben einem Beitrag darf nicht scrollen, Veröffentlichen geht per Schalter ohne zusätzliches Speichern, Fotos sind echt und hell, ohne Schrift im Bild. Was ich früher jedem Entwickler mündlich erklärt hätte, steht jetzt in einer Datei. Das ist der Teil, der mir am meisten Disziplin abverlangt.

Prüfen bleibt Handarbeit

Claude Code fragt in der Standardeinstellung, bevor es Dateien ändert oder Befehle ausführt. Anthropic schreibt in seiner Dokumentation, der Nutzer sei dafür verantwortlich, vorgeschlagenen Code und Befehle vor der Freigabe zu prüfen. Ich habe erlebt, warum das so dort steht. Die ersten Entwürfe für den Blog landeten in der lokalen Testdatenbank und nicht im Live-System. Kein Fehler im Code, ein Fehler in meiner Beschreibung. Daraus wurde ein Import-Knopf, und daraus wurde die Gewohnheit, jedes Ergebnis anzusehen, bevor ich die nächste Aufgabe gebe.

Prüfen setzt voraus, dass ich verstehe, was ich lese. Ich schreibe bis heute selbst Code und weiß deshalb, was technisch realistisch ist und was nur gut klingt. Diese Fähigkeit ist mit dem KI-Werkzeug wichtiger geworden. Der Code entsteht schneller, als ich ihn lesen kann. Was ich nicht lese, läuft trotzdem. Das ist bequem und gefährlich zugleich.

Was sich für Unternehmen ändert

Wer in einem Unternehmen Software beauftragt, intern oder extern, bekommt mit hoher Wahrscheinlichkeit Code, der so entstanden ist. Aus meiner Erfahrung verschiebt sich damit, was den Wert der Arbeit ausmacht. Die Beschreibung der Aufgabe wird zum wichtigsten Dokument, weil das Werkzeug jede Lücke darin nach eigenem Ermessen füllt. Die Regeln, die für ein Projekt gelten, gehören schriftlich festgehalten, weil jede neue Sitzung ohne Gedächtnis beginnt.

Und die Prüfung braucht jemanden, der die Sache versteht. Bei meinem Blog schreiben KI-Agenten Entwürfe parallel, prüfen ihre Quellen und markieren unsichere Punkte. Gelesen und freigegeben wird trotzdem jeder Beitrag von mir. Beim Code ist es dasselbe. Die KI arbeitet schnell, braucht aber klare Regeln, und jemand muss draufschauen. Diese drei Sätze fassen zusammen, was ich in den vergangenen Wochen gelernt habe, und keiner davon handelt vom Tippen.

Fazit

Programmieren mit Claude Code hat meine Arbeit vom Schreiben zum Beschreiben, Steuern und Prüfen verschoben. Die Tastatur ist seltener im Einsatz, mein Urteil häufiger.

Die Werkzeuge haben sich verändert, der Anspruch nicht: Software, die Menschen gern nutzen. Ob das gelingt, entscheidet weiterhin der Mensch, der die Aufgabe beschreibt, die Regeln setzt und das Ergebnis liest.

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